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„Sauteure Schweine und keine Entspannung in Sicht”

Schweinepreis, ASP in China, die Verluste der Betriebe und die Hilflosigkeit der Branche – Im großen ­Interview verrät Karl Schmiedbauer, der Obmann des Verbandes der Fleischwarenindustrie, warum er seine Branche in einer ausgesprochen prekären Lage sieht.

16.03.2020
Interview

Die Branche tobt im Moment. Schon seit Jahren ist eines der zentralen Themen die schwierige wirtschaftliche Lage der Verarbeitungsindustrie zwischen Landwirtschaft  und Handelsketten. Kaum ein Betrieb ist in der Gewinnzone. Doch jetzt in der angespannten Situation auf dem Weltmarkt scheint die Lage immer prekärer zu werden. KommR Karl Schmiedbauer, einer der profiliertesten Unternehmerpersönlichkeiten der Lebensmittelindustrie und Obmann des Verbandes der Fleischwarenindustrie in der WKO, wirft im Interview einen Blick auf die derzeit gebeutelte Branche.

Ein Schweinepreis von mehr als zwei Euro kurz vor Weihnachten – auch wenn der Preis inzwischen deutlich nachgelassen hat, war das eine schöne Bescherung, oder?

Das kann man wohl sagen! Die Lage ist im Moment mehr als bescheiden, die Schweine im wahrsten Sinne des Wortes „sauteuer“. Gleichzeitig muss man aber auch zugeben, dass es uns alle ja nicht wirklich überraschend trifft, diese Entwicklung hat sich ja schon länger abgezeichnet.

Was ist die Ursache?

In China hat sich die Schweinepest ausgebreitet und scheint noch lange nicht eingedämmt zu sein. Bis jetzt wurden rund 50 Prozent des chinesischen Schweine-bestands gekeult, wir sprechen da über die schier unglaubliche Anzahl von rund 250 Millionen (!) Tiere. Wir kennen das auch in Europa, wo bis vor rund zwei Jahr- zehnten immer wieder die Schweinepest in einigen Staaten ausgebrochen ist, aber die Lage stets recht rasch aufgrund der rigiden Kontrollen und Seuchenmaßnahmen unter Kontrolle gebracht und regional begrenzt werden konnte. Im Riesenreich China sieht das ganz anders aus, dort scheinen erfolg- versprechende Eindämmungsmaßnahmen noch in weiter Ferne, weil die Bestände durch Hinterhofhaltungen viel weiter verstreut sind und deren Erfassung daher doch viel schwieriger zu sein scheint.

 

Wie geht die Fleischbranche mit den weiter rasant steigenden Roh­materialpreisen um?

Gute Frage. Nach Meinung vieler Ex-perten scheint kein Ende der angespannten Situation auf dem Weltmarkt in Sicht zu sein. Auch wenn die Preise nach den Feiertagen nicht zuletzt auch wegen der Neujahrsfeierlichkeiten in China etwas nachgegeben haben, werden sie wahrscheinlich schon sehr rasch wieder anziehen, wenn die Nachfrage steigt. Das macht die Fleischbranche natürlich ausgesprochen nervös, weil die Preise im Handel die Unternehmenskalkulation, zumindest aus unserer eigenen Erfahrung, kaum mehr decken können. Davon ausnehmen muss man hier natürlich das kleine, lokale Flei- scherhandwerk, da dort die Preise flexibler gestaltet werden können.

 

Das bedeutet, die Fleischindus­trie und die großen Gewerbebetriebe brauchen dringend Verständnis für die aktuelle Sondersituation bei den Großabnehmern?

Ja natürlich – und das so rasch wie nur möglich! Ich gehe davon aus, dass die Branchenkollegen in intensiven Gesprächen mit dem Lebensmitteleinzelhandel und anderen Großabnehmern sind. Erfahrungsgemäß braucht es aber immer eine gewisse Zeitspanne, ehe der LEH Preiserhöhungen zustimmt. Auch wenn die Faktenlage – und es sind ja bitte alles öffentlich verfügbare Zahlen – eindeutig ist.

Hat die Fleischbranche noch so viel Zeit?

Derzeit sicher nicht. Die Lage ist dramatisch. Wir müssen wirklich rasch zu einer neuen Umgangskultur mit unseren Abnehmern kommen, um künftig viel schneller auf derartige Verwerfungen auf dem Markt reagieren zu können. Das braucht die Fleischbranche, um weiterhin uneingeschränkt lieferfähig zu bleiben. Die Betriebe können sich die Verluste ein- fach nicht mehr leisten, weil dafür keine Reserven mehr da sind.

 

Jetzt ist ja der hohe Basispreis alleine noch nicht das einzige Pro­blem, wie man vernimmt ...

Das stimmt ebenfalls. Wenn die düsteren Prognosen eintreten, die man von allen Seiten hört, steuern wir auch auf eine spürbare Rohstoffknappheit zu. Ursache ist natürlich die stark steigende Nachfrage nach Schweinefleisch in China und anderen fernöstlichen Nachbarstaaten.

 

Spüren Sie schon Auswirkungen in Österreich?

Ich bin seit meiner Lehrzeit Anfang der 60er Jahre des vorigen Jahrhunderts in der Fleischbranche tätig – und ehrlich, eine solche Situation wie derzeit habe ich auch nur ansatzweise noch nie erlebt. Natürlich gab es schon einmal Zeiten, in denen kaum Personal zu finden war oder manche Teil- stücke knapp wurden. Punkto Teilstücke wurde dann aber in der Regel sehr rasch von der damals zuständigen Vieh- und Fleischkommission eine Importfreigabe erteilt – und die Misere war behoben. Diese rechtlichen Möglichkeiten hat die EU und damit auch Österreich heute nicht mehr. Doch wie gesagt, so schlimm wie jetzt war es noch nie, wir sind total hilflos.

 

Was bedeutet das jetzt für die Teilstücke?

Ganz klar, die Preise explodieren. Speck ist doppelt so teuer, Verarbeitungsfleisch um mehr als 50 Prozent. Zusätzlich wird die Beschaffung immer schwieriger, vor allem wegen der Warenknappheit. Die Chinesen kaufen wie wild – in ganz Europa und natürlich auch in Österreich. Die großen Exportschlachthöfe profitieren durch ihre steigenden Exportquoten, führen mittlerweile, wie man vernimmt, schon ganze Schweinehälften nach China und Fernost aus, was früher so nicht üblich war. Die kleineren, regionalen Schlachthöfe erweisen sich in dieser Lage als ausgesprochen loyale Partner, die uns über die ärgsten Engpässe helfen, erhalten aber natürlich ebenso die derzeit aktuellen Preise. Der Aufwand, auch zeitlich, um rein mengenmäßig an Verarbeitungsfleisch heranzukommen, wird immer größer.

 

Die Fleischbranche befindet sich also in einer Doppel­-Zwickmühle?

Ja, so kann man das durchaus formulieren – und am Horizont ist von Licht weit und breit nichts zu sehen – nur dunkle, schwarze Gewitterwolken!

 

Auswege aus der Doppel-­Krise?

Wie schon kurz gesagt, wir brauchen eine Neuausrichtung der Gesprächs- und Umgangskultur zwischen Handel und Produzenten, die über den Wert des Produkts entscheidet. Wir müssen neue Instrumente installieren, um rasch und flexibel auf Preissprünge – wie soeben im Rohstoffbereich – reagieren zu können. Bis in die 70er Jahre war es ja sogar noch üblich, wöchentlich zu kalkulieren und neue Preislisten zu erstellen.

 

Befürchten Sie ein weiteres Flei­schersterben?

Die kleinen Betriebe betrifft das sicher weniger, die können, wie bereits festgestellt, flexibler reagieren. Aber alle anderen Unternehmen, die auf die Großvertriebs- formen angewiesen sind, brauchen dringendst Lösungen, sonst könnte eine weitere Strukturbereinigung eintreten, wie wir sie Anfang der 90er Jahre erleben mussten. Verbunden mit einem Verlust an Esskultur und Spezialitätenvielfalt. Das kann doch niemand wollen!

 

Wie kann man dieses Worst­ Case­-Szenario noch verhindern?

Gute Frage, unsere Mitglieder sagen mir, dass sie schon längst Preiserhöhungen benötigen. Als Obmann habe ich große Sorge, dass der eine oder andere Betrieb die Situation nicht überlebt.

 

Und wenn sich der Handel den­ noch stur stellt?

Das kann und will ich im Namen der Mitglieder wirklich nicht hoffen. Wir sollten eine partnerschaftliche Lösung finden. Doch die jetzige Krise hat auch das Zeug für eine nachhaltige Veränderung. Sie wird vermutlich für längere Zeit anhalten. Die Reserven bei den Familienunternehmen der Branche sind aufgebraucht. Wie desolat die Lage ist, zeigt die Reaktion einiger Unternehmer in Deutschland. Dort ist Folgendes zu hören: „Lieber gehe ich in die Insolvenz, als weiter Verluste in der Wurstproduktion zu erzielen.“

 

Sonst irgendwelche Ansätze zur Problembeseitigung?

Ich möchte einfach ein Gedankenspiel anstellen: Österreich ist ja beim Schweinefleisch ein absoluter Selbstversorger mit einer Überproduktion. Gleichzeitig exportieren wir etwa genau so viel Schweinefleisch wie wir importieren. Beides hält sich ungefähr die Waage. Die einfache Logik wäre aus meiner Sicht ein Exportstopp, aber dieser Gedanke ist ja in einem freien Markt geradezu ketzerisch. Ich glaube, dass ginge außerdem schon rein rechtlich nicht.

Ein Ausbruch der Schweinepest in Ös­terreich würde doch für einen Ex­portstopp sorgen. Muss die Fleischbranche gar auf so ein Szenario hoffen?

Das haben jetzt Sie gesagt, das wollen wir nicht einmal andenken. Auch das würde wiederum Betriebe gefährden.

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