Können Nutztiere das Corona-Virus weiterverbreiten?

Fleisch & Co sprach mit den Tierärzten Mag. Kurt Frühwirth und Dr. Petra Weiermayer.

18.03.2020
Corona

Die Verunsicherung ist groß - und macht auch vor den Ställen unserer Nutztiere nicht halt. Können Nutz- und Haustiere gar das aktuelle Corona-Virus übertragen? Wir haben bei zwei Tierärzten nachgefragt: Tierärztekammer-Präsident Mag. Kurt Frühwirth, der mit allen internationalen Kollegen im regen Austausch rund um Corona und SARS-CoV-2 steht und bei Dr. Petra Weiermayer, die als Präsidentin der ÖGVH und Leiterin der Sektion Forschung von WissHom die Forschungsergebnisse und Empfehlungen u.a. von der Welttiergesundheitsorganisation (OIE), von der AGES, vom Friedrich-Löffler Institut, von ECDC (European Centre for Disease Prevention and Control) kennt.

Gibt es bei Haus- und Nutztieren andere Coronaviren?

Dr. Petra Weiermayer: „Coronaviren gibt es bei verschiedenen Tierarten. Beispielsweise tritt bei Schweinen die epizootische Virusdiarrhoe auf oder kann bei Katzen die Feline Infektiöse Peritonitis ausgelöst werden. Diese Erreger sind klar von SARS-CoV-2 zu unterscheiden, da sie für den Menschen keine Gefahr darstellen.”

SARS-CoV-2 woher kommt es?

Dr. Petra Weiermayer: „Molekularbiologische Untersuchungen lassen vermuten, dass eng verwandte Viren bei bestimmten Fledermäusen vorkommen. Die nächstverwandten Coronaviren sind das SARS-CoV, das erstmals 2003 aufgetreten ist und dessen Reservoirwirt Fledermäuse sind und das MERS-CoV, das erstmals 2012 auf der arabischen Halbinsel nachgewiesen wurde und dessen natürliche Wirte Dromedare sind. Alle drei, SARS-CoV, SARS-Cov-2 und MERS-CoV sind zwischen Tier und Mensch übertragbare Infektionserreger, folglich handelt es sich bei den von ihnen hervorgerufenen Infektionen um Zoonosen.”

Können sich bei uns übliche Nutztiere bzw. lebensmittelliefernde Tiere mit SARS-CoV-2 infizieren und es weiterverbreiten?

Dr. Petra Weiermayer: „Hier kann ich nur auf die offizielle Aussendung des FAQ Dokuments des Friedrich-Löffler-Instituts seitens der Österreichischen Tierärztekammer hinweisen: Es gibt aktuell keine Hinweise darauf, dass sich Nutztiere mit SARS-CoV-2 infizieren können. Das Friedrich-Löffler-Institut hat Studien zur Empfänglichkeit von Tieren gegenüber SARS-CoV-2 begonnen, mit ersten belastbaren Ergebnissen ist frühestens Ende April zu rechnen. Diese Tierversuche sind nötig, um eine mögliche Gefährdung für Mensch und Tier abschätzen zu können und zu testen, ob sie zum Virusreservoir werden könnten. Generell gültige Sicherheitsmaßnahmen wie rohes Fleisch und Milch mit Vorsicht handzuhaben, um Kreuzkontaminationen mit ungekochten Nahrungsmitteln zu vermeiden, müssen natürlich eingehalten werden.”

Was können sie verunsicherten Landwirten empfehlen?

Mag. Kurt Frühwirth: „Haus-, Heim- und Nutztiere sind von der aktuellen Infektion nicht betroffen bzw. geben diese auch nicht weiter. Dennoch sind alle Hygienemaßnahmen und Verhaltensregelungen im Umgang mit Tieren zu beachten. Im Umgang müssen deshalb auch die Einschränkungen der direkten Sozialkontakte von Landwirt zu Tierarzt und auch anderen Personen auf ein Minimum eingeschränkt werden.“

Das heißt, dass Tierärzte nach wie vor praktizieren dürfen?

Mag. Kurt Frühwirth: „Veterinärmedizinische Dienstleitungen wurden nicht untersagt. Tierhaltende landwirtschaftliche Betriebe können daher sichergehen, dass Ihre Tierbestände im Sinne der Verordnung weiterhin unter Berücksichtigung der wichtigen Verhaltensregeln, tierärztlich versorgt werden können.

Die Betreuungstierärzte geben ihr Bestes und versuchen unter Wahrung den entsprechenden Vorsichtsmaßnahmen die Versorgung sicher zu stellen, Einschränkungen auf die Akutfälle und unaufschiebbare Tätigkeiten wird es allerdings wohl geben. In Absprache mit den Betreuungstierärzten wird hier in jedem Fall die sicherste Vorgehensweise festgelegt werden. Die Betriebe müssen sich dessen bewusst sein, dass auch sie zur kritischen Versorgungsstruktur inkl. der Betreuungseinrichtungen gehören – alle gemeinsam müssen wir deshalb dafür sorgen, dass die Versorgungssicherheit auch mit tierischen Lebensmitteln in dieser schwierigen Situation nicht leichtfertig gefährdet wird. Müssen Tierärzte in Quarantäne, ist die tierärztliche Versorgung in bestimmten Regionen zusätzlich gefährdet, besonders trifft dies dann nach Verdachtskontakt auch die Landwirte selbst.”

Und wie sieht es mit unseren Haustieren aus?

Dr. Petra Weiermayer: Es gibt bisher keine Hinweise, dass Hunde oder Katzen ein Infektionsrisiko für den Menschen darstellen, so auch die Einschätzung des European Centre for Disease Control und der WHO, oder eine Rolle bei der Verbreitung von SARS-CoV-2 spielen. Der Kontakt gesunder Personen zu Haustieren muss nach den derzeitig verfügbaren Informationen aus Sicht des Friedrich-Löffler-Instituts nicht eingeschränkt werden. Allerdings sollten grundlegende Prinzipien der Hygiene immer beachtet werden, wenn man mit Tieren in Kontakt kommt, wie z.B. Hände gründlich mit Seife waschen und eigenes Gesicht nicht berühren.”

Können wir wiederum unsere Tiere anstecken?

Dr. Petra Weiermayer: „Bisher gibt es keinen wissenschaftlich belegbaren Hinweis auf eine epidemiologisch relevante Infektion von Haustieren durch infizierte Personen. Das Geschehen entwickelt sich allerdings dynamisch und wird vom Friedrich-Löffler-Institut intensiv beobachtet.”

Welche Maßnahmen sind für Haustiere von in häuslicher Quarantäne befindlichen Personen zu empfehlen?

Mag. Kurt Frühwirth: „Für Hunde und Katzen werden zunächst keine Maßnahmen wie die Quarantäne empfohlen. Im Einzelfall und bei Auftreten von Symptomen bei den Tieren wird eine Beprobung und Testung auf eine SARS-CoV-2 Infektion anzuraten sein, um weitere Informationen zu gewinnen. Personen, die sich in Quarantäne befinden, sollten geeignete Personen außerhalb ihres Haushaltes um Unterstützung bei der Pflege der Tiere bitten, etwa mit dem Hund spazieren zu gehen. Enger Kontakt, wie z.B. das Abschlecken des Gesichts durch die Tiere, bestätigt infizierter Personen zu ihren Haustieren sollte vermieden werden. Hände waschen vor und nach Kontakt mit dem Haustier sowie dessen Futter ist empfohlen."

Was wird oder kann die Zukunft bringen?

Mag. Kurt Frühwirth: „Man wird sehen wie sich das aktuelle Szenario hinsichtlich der viralen Ausbereitung, der Erkrankungsraten und Dauer entwickeln wird. Wenn wir die aktuelle Situation nicht konsequent ernst nehmen, dann könnten die Auswirkungen tatsächlich katastrophal sein. Die wirtschaftlichen Folgewirkungen sind bereist aktuell extrem, werden aber über die Krise weit hinausreichen. Sicher ist, dass alle von der Krise massiv getroffen werden, wie weit die eine oder andere Branche als wirtschaftlich krisensicherer einzustufen ist, wird auch stark davon abhängen, wie sehr die direkten Auswirkungen die kritischen Bereiche tatsächlich treffen wird. Tatsache ist bereits jetzt, dass diese Krise für unsere Generationen ein noch nie erlebtes Ausmaß einnimmt – daher können sich Prognosen auch auf nichts Vergleichbares stützen.“

Mag. Kurt Frühwirth: „Veterinärmedizinische Dienstleitungen wurden nicht untersagt!"

Der Tierarzt und Präsident der Tierärztekammer gibt Antworten auf die wichtigsten Fragen rund um Corona und Nutztiere! Seine Botschaft: „Tierhaltende landwirtschaftliche Betriebe können daher sichergehen, dass Ihre Tierbestände im Sinne der Verordnung weiterhin unter Berücksichtigung der wichtigen Verhaltensregeln, tierärztlich versorgt werden können."

Dr. Petra Weiermayer: „Es gibt aktuell keine Hinweise darauf, dass sich Nutztiere mit SARS-CoV-2 infizieren können."

Die Fachtierärztin, Präsidentin der ÖGVH und Leiterin der Sektion Forschung der WissHom gibt einen umfassenden Einblick in die internationale Studienlage rund um Corona und SARS-CoV

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