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Mandl im Interview: „Wir müssen zusammenhalten!"

Bundesinnungsmeister KommR und Fleischermeister Willibald Mandl ist erschüttert über die Ignoranz der Politik und will nach Corona den Fokus wieder auf die Nahversorger rücken. Wie er das bewerkstelligen will, erzählt er im großen Interview.

07.04.2020
Corona

Die Corona-Krise ist …

Willibald Mandl: „…  eine Katastrophe und eine große Herausforderung. Für alle gewerblichen Betriebe – besonders natürlich auch für die Lebensmittelbetriebe.

Ich persönlich finde die Maßnahmen der Regierung sehr gut und glaube auch, dass sie zielführend sind. Richtig ärgerlich ist aber: Die Supermärkte werden in den Himmel gelobt – und auf die Gewerbe, die Nahversorger, wird dabei leider vollkommen vergessen. Als ich die erste Pressekonferenz gehört habe, dachte ich noch die Politiker hätten einfach nur vergessen – und angenommen, dass es beim nächsten Mal schon gesagt wird. Das ist aber interessanterweise nie passiert, obwohl ich gleich agiert haben. Wir haben dann sogar versucht es über den Bund zu spielen, uns da in Erinnerung zu rufen – aber die Politik hat einfach nicht reagiert!"

Wie könnte man den Fokus auf die Nahversorger richten?

Willibald Mandl: „Information, Information, Information. Daher haben wir in Oberösterreich jetzt auch Geld in die Hand genommen und zahlreiche Kampagnen gestartet, die alle sehr gut angelaufen sind. Wir haben – in Kooperation mit dem Landesrat für Landwirtschaft – über das Radio (z. B. Arabella) und in sämtlichen Tageszeitungen versucht uns wieder in Erinnerung zu rufen. Wir haben auch viele Interviews gegeben, damit wir da kräftig entgegensteuern können. Das hat uns viel Geld gekostet – schade ist's halt, das hätte alles nicht so sein müssen, wenn man ,oben' ein bisserl anders agiert hätte."

Wie sieht es in ihrem Betrieb in Ternberg aus?

Willibald Mandl: „Wir machen zum Beispiel Zustellung ins „Betreute Wohnen” und zum „Roten Kreuz“ – da liefern wir vor die Türe. Wir haben hier in Ternberg gemeinsam mit dem Adeg auch einen kompletten Lieferservice aufgebaut – der funktioniert sehr gut. Diese Hauszustellungen kommen bei unseren Kunden in der Region wirklich extrem gut an. Uns freut natürlich auch, dass wir in dieser Ausnahmesituation helfen können ... Klar ist da viel persönlicher Einsatz notwendig, aber das machen wir alle gerne, denn die Kunden kommen ja das ganze Jahr auch zu uns.

Trotzdem brechen viele Geschäfte weg: die Jausengeschäfte etwa und natürlich die ganze Gastronomie. Nicht zu vergessen natürlich auch die fehlenden Veranstaltungen wie etwa all die Feuerwehrfeste, da sind wir immer sehr gut unterwegs gewesen. Mit den Vereinen, aber auch mit den Gewerbetreibenden – all das ist auf einen Schlag weg."

Haben Sie Lieferschwierigkeiten?

Willibald Mandl: „Nein, wir sind ja nicht abhängig. Bei uns in Ternberg haben wir alles: vom Obstbauern bis zum Gemüsebauer – wir natürlich die Fleisch-Produzenten."

Wie viel Geschäftsrückgang haben Sie?

Willibald Mandl: „Na ja, circa die Hälfte. Vielleicht haben wir die Chance, durch die Krise zu tauchen. Ich hoffe es sehr. Im Moment aber ist es schwierig und wir mussten von insgesamt 12 Kollegen bereits drei Leute in Kurzarbeit schicken. Und wenn die Veranstaltungen noch länger aus bleiben, dann müssten wir noch ein paar Weitere in die Kurzarbeit stellen."

Keine Krise ohne Chance! Ist es nicht DIE Chance für regionale Nahversorger?

Willibald Mandl: „Da muss man natürlich abwarten. Ich glaube nicht, dass nach Corona alles wieder zur Tagesordnung zurückkehren wird. Ich denke und hoffe, dass diese Krise uns alle etwas mehr zusammenschweißen wird – und natürlich die Konsumenten wieder die Vorteile der Nahversorger sehen und die regionalen Lebensmittelhändler wieder mehr zu schätzen lernen. Denn trotz allem, wir kommen einfach besser weg als die Supermärkte: Die Nahversorger sind nicht angewiesen auf schnelle Grenzkontrollen und lange Lieferwege. Weil wenn heute die Grenzen gesperrt sind, hat der Supermarkt morgen keinen Salat mehr und der Markt ist zur Hälfte leer.

Uns Nahversorger kümmert das nicht. Der örtliche Bäcker, der örtliche Fleischer und der Lebensmitteleinzelhändler können – natürlich in Zusammenarbeit mit der Landwirtschaft, denn da gibt es schon lange Zeit sehr gute Kooperationen – die regionale Nahversorgung garantieren, auch während Krisen. Wir können unsere Region versorgen, selbst wenn die Grenzen für längere Zeit gesperrt sind. Daher glaube ich schon, dass Corona uns Nahversorgern im Endeffekt nützen wird."

Wie wollen Sie diese Trendwende unterstützen?

Willibald Mandl: „Meine Hauptaufgabe nach der Corona-Krise wird die Aufklärungsarbeit sein, um die Nahversorgung noch viel weiter als bisher in den Focus stellen. Wir haben sehr viele Standbeine und daher tun wir uns in der Krisenzeit auch etwas leichter. Wir haben ja viele Kooperationen mit der Landwirtschaft, wir haben eine Bioverarbeitung für die Landwirtschaft, … Wir waren schon im Vorfeld sehr gut unterwegs, so muss es aber auch weitergehen, wir dürfen da jetzt nicht nachlassen.

Ich sehe das Miteinander als große Chance – weil es halt nur so geht. Die Landwirtschaft, die Direktvermarktung und die Fleischer decken gemeinsam am Fleischbereich im häuslichen Gebrauch nur mehr zu 8 Prozent ab! Wenn man das hört, da schrillen doch wirklich die Alarmglocken. Und wenn wir mit unseren 8 % nicht zusammenhalten und uns gegen den übermächtigen Handel wehren – dann wird es uns auch nicht mehr lange geben. Und dann tut der Handel was er will. Darum bin ich so dafür, dass man da miteinander arbeitet.

Wo ich noch nicht ganz so erfolgreich war, wie ich es gerne wollte, ist, die Anpassung der Gewerbebetriebe an die Direktvermarkter. Weil die Rahmenbedingungen sind hier komplett verschieden und daher funktioniert die Zusammenarbeit auch nicht so, wie sie eigentlich sollte und könnte. Aber wenn man hier einen Konsens findet, könnte man noch mehr Kooperationen machen und eine noch kompaktere Einheit werden. Wir sitzen doch alle im selben Boot.

 

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Sie sind ja schon lange um einen Schulterschluss im Lebensmittel-Handwerk bemüht …

Willibald Mandl: „Lange bevor wir Corona überhaupt gekannt haben, waren wir schon über die Bundes- und die Landesinnung im „Netzwerk Kulinarik“ unterstützend dabei – da war ich auch Beirat. Hier geht es an sich um den Schulterschluss des Lebensmittel-Handwerks und Direktvermarkter und Landwirte. Dabei haben wir schon tolle Konzepte ausgearbeitet, z. B. sind einheitliche Siegel entstanden, etwa das Direktvermarkter-Siegel, das Gastro-Siegel und das Manufakturen-Siegel. Wir haben das sehr produktiv gearbeitet – jetzt ist uns halt die Coronakrise dazwischen gekommen.

In Oberösterreich haben wir auch ein Netzwerk, hier bin ich der Steuerungsgruppe und da geht es darum, die Landwirtschaft, Tourismus und Lebensmittel-Gewerbebetriebe zu vernetzen, um die Nahversorgung zu stärken.

Wenn die Krise dann endlich wieder vorbei ist und wir in der Innung wieder richtig handlungsfähig sind, wird aber sicherlich meine Hauptaufgabe sein, den Nahversorger jenen Stellenwert zukommen zu lassen, den sie eigentlich haben – was ja in dieser Krise jetzt wirklich komplett daneben gegangen ist."

Wird hier auch von Seiten der Wirtschaftskammer der politische Einfluss geltend gemacht werden kann. Dass vielleicht sogar einmal Bundeskanzler Kurz auch die Nahversorger erwähnt?

Willibald Mandl: „Es wird auf allen Ebenen in der Politik darüber gesprochen, dass wir ja so wichtig sind. 90 % der österreichischen Betriebe sind kleine und mittlere Betriebe und KMUs, die sind das Rückgrat unserer Wirtschaft, usw. Eh schön, dass es so ist – und, dass darüber gesprochen wird. Ich war im Vorfeld auch begeisterter Funktionär, die jetzige Situation hat mich aber schon ein wenig in meinen Grundfesten erschüttert. Diese Ignoranz von der Politik zu erfahren ist schon schlimm. Ich höre nur mehr Supermarkt hier, Supermarkt dort, Supermarkt super. Dann schicken sie auch noch das Militär zum Supermarkt – da denkt man insgeheim schon, sie sollten das Militär lieber zum Spargel stechen schicken, denn die sind dort wirklich in der Bredouille.

Da muss man schon arbeiten dran – das sehe ich als meine Aufgabe und werde es auch an höchster Stelle deponieren. Weil so geht das nicht, wie das jetzt abgelaufen ist. Sonderfall hin, Krise her – das ist mir schon klar. Wenn die hohe Politik wenigstens sagen würde, Supermärkte UND die Nahversorger sind … Nur mit diesem einen Satz wäre ich schon zufrieden gewesen und es hätte diese ganzen Schwierigkeiten nicht gegeben.

Aber wir werden auch die Betroffenen – also die Bäcker, Fleischer und Konditoren – ins Boot holen, holen müssen. Das versuchen wir ja eigentlich schon seit 10 Jahren, dass wir hier eine kompakte Gruppe werden – nur bringen wir es nicht zusammen, weil keiner mehr auf eine Sitzung gehen will oder was auch immer dagegen hat. Aber vielleicht öffnet diese Krise jetzt die Augen aller und lässt es gemeinsam nochmals probieren. Denn als Einheit können wir mehr bewegen, als wenn jeder einzeln sein Süppchen kocht."

Wie sieht es mit der Digitalisierung aus?

Willibald Mandl: „Diesen Trend kann man nicht mehr aufhalten. Es gibt ja schon einige Fleischer, die online verkaufen – bei Stangenware und Geselchtem funktioniert das super. Bei Fleisch ist es noch so eine Sache, aber geht auch schon ziemlich gut.

Ich persönlich bin aber noch eher ein bodenständiger Mensch. Ich schaue der Kundschaft gern in die Augen, red' ein bisserl, diskutiere ein wenig – und das bringe ich so schon besser rüber so, als ich es im Online-Shop könnte.

Was mich aber bei der Krise fast ein wenig fasziniert. Es wird und wurde ja die Digitalisierung in den letzten Jahren extrem vorangetrieben, allerorts globalisiert und jeder wollte immer mehr, schneller und größer sein – und quasi über Nacht kam der Stillstand. Zurück an den Start – und zwar alle! Was mir dabei nicht so taugt, ist Amazon, die werkeln da wie wild, aber von der Wertschöpfung bleibt nichts in Österreich. Das ist nicht okay! Und was ich mich auch frage: Bei der Bankenkrise wurden Milliarden an Unterstützung gegeben - warum tragen jetzt nicht die Banken zur Rettung von Österreichs Wirtschaft bei?"

Ihr Schlusswort an die Fleischer?

Willibald Mandl: „Ich bitte alle Fleischer durchzuhalten und mit allen Mitteln diese Krise durchzustehen. Im Nachhinein werden wir alles Analysieren und gemeinsame Schritte setzen, damit die Nahversorgung jenen Stellenwert bekommt, den sie verdient!"

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